Bildung in Deutschland: Der etwas andere Weg zum Lehrer-Beruf

Es ist Sonntagmorgen in einem kleinen Dorf in Thüringen. Die Luft ist klar, geprägt durch einen Hauch von Bauernhofgeruch. Die Vögel zwitschern. Der Regen der Nacht hat sich gerade verzogen und die Sonne kämpft sich zwischen den Wolken durch, die wie Watte auf den Dächern der Häuser liegen. Dorfidylle perfekt. Unter einem dieser Dächer sitzt der Junglehrer Christian im Kinderzimmer seines Elternhauses und korrigiert Klassenarbeiten der 8. Klasse Physik. Das Dachgeschosszimmer ist überschaubar eingerichtet. Die halbgefüllte Schrankwand beinhaltet Utensilien aus der Jugend, Biergläser aus Irland und Bücher zu Lehrmethoden. Gleich neben der Tür steht das schmale Bett, gegenüber liegt die gemütliche Couchecke. Aus dem Fenster des Zimmers kann man die Dorfkirche sehen. Der kleine Schreibtisch ist mit den Klassenarbeiten der Schüler, Laptop, Taschenrechner und einem Ordner mit Mathematik-Unterrichtskonzepten gefüllt und liegt in einer dunklen Ecke des sonst sehr hellen Zimmers. Eine kleine Schreibtischlampe spendet zusätzliches Licht. Auf dem knarrigen Schreibtischstuhl sitzt Christian mit bequemer Jogginghose und Hausschuhe. Sein konzentrierter Blick ist auf die Klassenarbeiten seiner Schüler gerichtet.

 

Der Beruf Lehrer

Seit einer Woche kann sich Christian offiziell Lehrer nennen. Im Gegensatz zum Großteil seiner Kollegen hat Christian einen anderen Weg zum Lehrer-Dasein gefunden. Denn sein erster Hochschulabschluss war der Diplom-Physiker. „Als Physiker ist es gar nicht so einfach einen Job zu finden. Da muss man sich schon ganz schön verbiegen und landet am Ende in der IT oder im Controlling. Das ist aber eher nichts für mich“. Nach einem knappen Jahr erfolgloser Jobsuche ergab sich dann die Möglichkeit auf einem Gymnasium in Niedersachsen als Lehrer-Quereinsteiger für Mathe und Physik anzufangen. Nicht in allen Bundesländern ist dies möglich, so setzt das Bundesland Thüringen voraus, dass man eine klassische Lehrerausbildung mit zwei Staatsexamen abgeschlossen haben muss. „Eine Schule in Berlin hat mir sogar gleich eine volle Stelle angeboten“. Doch Christian wusste, dass er selber noch viel lernen musste, um ein guter Lehrer zu werden. Er entschied sich für das Referendariat an einem niedersächsischen Gymnasium. Das erste Staatsexamen hat er mit der Anstellung anerkannt bekommen, bis zum zweiten sollten noch 18 Monate vergehen.

Laut dem Bildungsbericht von 2014 ist die Zahl hauptberuflicher Lehrkräfte an allgemeinbildenden und beruflichen Schulen stark rückläufig. Im Schuljahr 2012/13 waren 46% der Lehrkräfte 50 Jahre und älter. Auch an der Schule von Christian ist das so. Der Durchschnitt ist 50 Jahre alt. Da diese Lehrer auch früher oder später in Rente gehen, besteht in ganz Deutschland ein hoher Ersatzbedarf an Lehrkräften. Die Beschäftigungsbedingungen sind sehr gut. Neben den möglichen Beamtenstatus lockt auch ein Gehalt, das im Durchschnitt deutlich über den des produzierenden Gewerbes und Dienstleistungsbereich liegt. Dazu zeigt der Lehrerberuf in Deutschland eine überdurchschnittlich hohe Teilzeitquote auf. Doch während es für Fächer wie Deutsch und Geschichte sehr viele neue Anwärter auf die Stelle gibt, werden Nachwuchskräfte für Mathematik und Physik händeringend gesucht. „Dabei ist es auch nicht selten, dass Fächer von fachfremden Lehrern unterrichtet werden. Bei uns unterrichten einige Mathelehrer Schüler der 5. Klasse in Physik“ schildert Christian.

Das Gymnasium von Christian liegt in einem 15.000 Seelen Ort und ist 100 KM von seiner Heimat entfernt. Hier hat er sich eine kleine 1-Zimmerwohnung angemietet, denn am Wochenende ist er größtenteils in seiner Heimat in Thüringen. Anfangs hatte er sechs Unterrichtsstunden pro Woche in Mathe und Physik. Das war schon eine ordentliche Herausforderung und hat viel von ihm abverlangt. Die harte Arbeit zahlt sich aus, die Schüler nehmen Christian als Lehrer an. Guter Unterricht sei so,  erzählt Christian, wenn die Schüler aktiv und motiviert ein Problem lösen wollen, welches aus dem Alltag der Schüler herauswächst. Der Lehrer ist dafür da ihnen dieses Problem aufzuzeigen und bei möglichen Lösestrategien helfend zur Seite zu stehen. Christian kann damit das eigene Denken und Handeln seiner Schüler fördern, so dass die Schüler ihr eigenes oder gesellschaftliches Handeln interpretieren können und dadurch eine konstruktive Teilnahme an der Gesellschaft möglich ist. Lehrer sein ist seiner Meinung nach ein Beruf mit hoher gesellschaftlicher Verantwortung.

 

Bildung in Deutschland ist Ländersache

In Deutschland gibt es zurzeit ca. 34.000 allgemeinbildende Schulen. Bildung ist in Deutschland Ländersache, so gibt es schon in der Schulart Unterschiede zwischen den Bundesländern. Diese werden vor allem im Sekundarbereich I, also der Schulzeit nach der Grundschule, deutlich. Während es in Bayern hauptsächlich die klassische Dreiteilung Hauptschule, Realschule und Gymnasium gibt, setzen Länder wie Berlin, Bremen, Hamburg, Saarland und Schleswig-Holstein neben dem Gymnasium auf nur eine weiterführende Schulart im Sekundarbereich I.  In ganz Deutschland geht die Anzahl an Hauptschulen zurück, da immer mehr Schularten mit mehreren Bildungsgängen in den Klassenzimmern der Republik einziehen. Dabei kann in einer solchen Gesamtschule sowohl der Hauptschul- und Realschulabschluss als auch das Abitur absolviert werden.

„So wer korrigiert jetzt weiter die Klassenarbeiten? Es geht um Halbleiter…“ Christian ist sichtlich angespannt. Als Lehrer einer vollen Stelle müssen 25 Schulstunden unterrichtet werden. Zuerst mag das wenig klingen, doch auch die Stunden müssen vorbereitet werden. Christian unterrichtet am Ende seines Referendariats vier Klassen. In Physik die 5. und 9. Klasse, in Mathe die 8. und 11. Klasse. Neben dem Korrigieren der Klassenarbeiten und dem Unterrichten ist die Stundenvorbereitung eine der Hauptaufgaben. Vor allem die Unterrichtsvorbereitung hat Christian vieles abverlangt. Denn als diplomierter Physiker hat er einen anderen Blick auf die Gesetze der Physik. „Ich lese viele Schulbücher. Darin kann ich sehen, welche Wörter und Modelle verwendet werden, um den Lehrstoff zu vermitteln“. Dazu gibt es noch den Lehrplan und eine große Anzahl vertiefender Literatur zu  Lehrmethoden. Alles zusammengenommen, so erzählt mir Christian, sei man schnell über die 40 Stunden pro Woche hinaus und auch das Wochenende bleibe selten arbeitsfrei. Später, so hofft er, sei das mit der Routine dann schon wesentlich einfacher, doch vor allem am Anfang sei es ein Beruf mit vielen Extrastunden. Mit seiner vollen Stelle im nächsten Schuljahr wünscht sich Christian daher am liebsten mehrere Klassen einer Jahrgangsstufe zu einem Fach. So wird viel Vorbereitungszeit gespart und man kann intensiver die geplanten Stunden zur Verbesserung kommender Unterrichtseinheiten reflektieren.

Seiten: 1 2

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *